Aktuelles aus Minden  - Mindener Tageblatt 26.7.98
 

Einzigartig mit Einschränkungen

Auf der Mulde in Sachsen schwimmt seit 1993 eine Schiffmühle / Allerdings als Pumpwerk genutzt

Von Hartmut Nolte

Minden/Grimma (mt). Die Posaunen in Minden sollten künftig etwas leiser geblasen werden, aber ertönen dürfen sie noch mit leicht ergänzter Melodie: Minden hat nicht die einzige Schiffmühle in Deutschland, aber die einzige mit einem funktionstüchtigen Mahlgang nach historischem Vorbild.

Mindens bisheriges Paradestück an Einzigartigkeiten ist noch das Wasserstraßenkreuz. Doch da in Magdeburg an einer gleichen Anlage gearbeitet wird, war die Idee, als Ersatz die frühere Schiffmühle nachzubauen, gutgemeinte touristische Vorsorgepolitik. Und für den Mühlenkreis mit seinen über 40 betriebsbereiten Mühlen verschiedenster Art sicherlich eine Bereicherung. Aber nun kann auch in Minden nicht mehr ignoriert werden, daß hier zwar eine hochinteressante mühlentechnische Anlage vor Anker ging, aber Deutschlands einzige, wie es in vielen Reden noch behauptet wird, ist sie nicht.

Physik-Experiment als Anstoß

In Höfgen südöstlich von Leipzig liegt seit 1993 an der Freiberger Mulde eine funktionierende Schiffmühle. Daß sie heute ein gern angenommener touristischer Markstein ist, war eigentlich weniger die Absicht ihrer Planer und Erbauer. Physiker Dr. Uwe Andrich hatte untersuchen wollen, ob sich damit Wasserkraft von Flüssen für lokale Projekte zur Energieversorgung in Ländern der Dritten Welt ausnutzen ließ. Andrich und seine Mitstreiter stellten bald fest, daß sich dies wegen der sich zu langsam drehenden unterschlächtigen Räder und der durch die Schiffahrt unruhigen Strömung nicht machen ließ.

Doch die Schiff-Mühlologen gaben nicht auf. Sie dämpften mit neuer Pendelwellenlagertechnik die Schiffschwankungen und konnten 1993 ihre überarbeitete Anlage, gefördert von Gemeinde und Bundesforschungsministerium, in die Mulde setzen.

Bislang konnten die sächsischen Schiffmühlen-Bauer zu Recht behaupten, die einzige funktionsfähige Schiffmühle in Deutschland zu haben und damit auch technisch Interessierten einen zusätzlichen Anreiz geben, das schöne Kloster- und Mühlental bei Grimma zu besuchen.

Allerdings dient die schwimmende Mühle in der Mulde nicht wie ihre junge Schwester auf der Weser dem eigentlichen Mahlzweck, sondern wirkt als Schöpf- und Hebewerk und pumpt Wasser in den 50 Meter höher gelegenen Springbrunnen eines Parks.

So bleibt Mindens Vorrecht ihre Schiffmühle als einzige in ganz Deutschland zu propagieren, die tschland einen funktionstüchtigen, historischen Mahlbetrieb hat, formuliert Gundolf Scheweling, Mühlenexperte und Schriftleiter des Fachperiodikums Der Mahlstein. Und ganz nebenbei bleibt auch den Sachsen etwas von der nun geteilten Einmaligkeit.

Die einzige historische Schiffmühle auf dem Wasser sei sie allerdings auch nicht, weist Scheweling auf eine weitere im Mühlenmuseum in Gifhorn hin. Die liegt allerdings still in einem kleinen See.

Aufs Land gezogen wurde eine weitere Schiffmühle, die noch bis 1953 Strom für ein Alaunbergwerk erzeugte. Im Burggarten von Bad Düben, ebenfalls an einer aber einer anderen Mulde in Sachsen, liegt dieser nicht mehr ganz originalgetreue Nachbau einer schwimmfähigen Mühle.

Vielseitige Schiffmühlen

Mühlenexperte Scheweling muß den Mindenern leider auch den Zahn ziehen, europaweit eine Besonderheit auf ihrem Hausfluß schwimmen zu lassen. Zumindest in Österreich gebe es seit vorigem Jahr eine ähnliche Anlage, erinnert er sich. Überhaupt seien schwimmende Mühlen gar nicht so selten, villeicht im Mittelalter gar häufiger als Windmühlen. Denn Schiffmühlen brauchen nicht nur kein teures Grundstück, sie haben noch einen anderen geldwerten Vorteil: Die ständige Verfügbarkeit einer starken Strömung machte diese Art der Energie- und Kraftgewinnung schon im Mittelalter sehr profitabel, weiß Scheweling. Vom Rhein seien viele Schiffmühlen bekannt geworden. Nicht immer sei die Ausnutzung der im fließenden Wasser vorhandenen Energie auf die Mehlproduktion gerichtet gewesen. In Italien seien damit Seidenspinnereien betrieben worden und ganz in der Nähe Mindens, in Bodenwerder, habe früher eine Schleifmühle im Weserstrom gelegen. Auf der Donau gab es bis zum Wiener Kongreß 1815 Hunderte von Schiffmühlen, erinnert der Experte an reichlich vorhandene Literatur über eine Schiffsflotte, die stets vor Anker lag.

Der schleichende Tod der Schiffmühlen kam nach dem Wiener Kongreß, der durch Europas Neuaufteilung der Flußschiffahrt zum Aufschwung verhalf. Den Binnenschiffern wurden die Schiffmühlen zu Hindernissen. In Kursachsen sank die Zahl der Schiffmühlen in einem Jahrhundert von 84 auf 15 Stück im Jahre 1837, weiß man in Höfgen.

Nach der gegenseitigen Entdeckung ihrer Schiffmühlen haben der Mühlenkreis Minden-Lübbecke ebenso wie das Mühlental der Mulde ihre absolute Einzigartigkeit verloren, aber um Touristen wie Einheimische neugierig zu machen, reichen beide Attraktionen noch längst aus.



Schiffmühle
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