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    Mühlentagebuch vom 2. Oktober 1999



    Mahlwind aus Südwest

    Der Wetterbericht war wieder mal schuld: Herbst und aus Südwest waren gute Wind angekündigt. Und unsere Müllerin suchte für Freitag eine Vertretung. Keine Frage, das mache ich. Auch die Nachfrage bei den Kindern und ihren Freunden ließ keine Zweifel aufkommen: Ja, auf zu Mühle, "Schülerladen ist doch eh doof! "

    So fanden wir uns mittags an der Mühle ein, der Brotwagen unserer Bäckerei wartete schon. "Naah heute ist doch Mahlwind, und ihr kommt erst jetzt?" lästerte der Fahrer mit verschmitztem Gesicht. Das Brot wird verstaut, die Müllerklamotten an. Sohnemann geht mit seinem Schulfreund (beide 9 Jahre) schon mal nach oben die Sicherungen herausnehmen. Die Jalousien zu, aber das 20 kg Gewicht an die Aufseite. Die Bremse los und der Wind greift in die Flügel. 

    Los geht's, immer schneller. Zur Zeit noch ohne Last, nur für den Prinzen. Als die Böe kommt nehme ich die Jalousien doch etwas zurück, schließlich ganz raus. Und die Flügel drehen immer noch! Ist das ein Wind, wunderschön. 

    Wir beschicken den einen Mahlgang mit Roggen. Erst mal 3 Säcke. Die drei Kinder sehen fasziniert zu, wie der Roggen in dem Trichter verschwindet. Eingeklinkt und mit immer noch offenen Jalousien geht es los! Bei uns ist das mit den Franzosensteinen immer so eine Sache, sie laufen nicht so gut. Aber heute: Gleichmäßig rinnt das Schrot unten aus dem Sackstutzen. Ich kann in Ruhe den Mehlboden verlassen und nach den Rüttelschuh nachstellen. Die Kinder kontrollieren inzwischen, ob das Mehl gleichmäßig in die Säcke läuft. Daß sie dabei recht weiß werden, erhöht eher noch den Spaß. 

    Den ganzen Sommer durch hatten wir sowenig Wind, daß ich dort unten immer nachregulieren mußte, Steinabstände verändern und die Getreidezufuhr stoppen mußte,  um wieder Schwung zu holen. Nun aber....

    Nach einer halben Stunde müssen wir die nächsten Säcke nachschütten, in einer Stunde haben wir 100 kg durch.  Stopp! Sonst ist im nu unser ganzer Verrat der Saison durch! 

    Schade, daß unsere Weizengang z.Zt. in Reparatur ist: Bei diesem Wind könnte man glatt mit zwei Mahlgängen gleichzeitig mahlen! Und das hatte wir in meiner Zeit an der Mühle noch nie! 

    Fünf Säcke mit gemahlenen Roggen können wir schließlich mit dem Sackaufzug heruntertransportieren -  an jeder Sackaufzugtür ein Kind, das am liebsten mitfahren würde. Die Kuscheltiere probieren es schon mal aus! 

    Am Sonntag bin ich noch  einmal an der Mühle. Mal sehen, ob wir den Sichter in Gang bekommen, dann können wir mit den Besuchern den Schrot noch einmal durchsieben!

    Die Kinder fahren mehlbestaubt nach Hause. Meine beiden wissen es eh, aber wieder einer von den Schulfreunden hat mitbekommen, was es bedeutet ein Windmüller zu sein. Max und Moritz und ähnliche Geschichten bekommen für sie jetzt einen ganz realen Hintergrund. Eine Landflucht ist dazu nicht nötig, das passiert mitten in der Großstadt Berlin!!



    upgedatet am 2.10.99
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