Mühlentagebuch vom 9. Mai 99
Besuch auf Potsdamer Mühle
Sonntag um 10 Uhr sind wir in Potsdam. Vor dem Besucheransturm.
Klettern hoch bis in die Kappe. Eine Kappe mit Stert. Und großen Schwertbalken. Und einem Brett an zwei Seilen aufgehängt, die Arbeitsbühne. Komfortabel, es erinnert an Malerhandwerk.
Schauen hinaus aus den vorderen kleinen Luken. Westwind. Einzelne Regenwolken stehen über den eiszeitlich geprägten Hügeln.
Das große Obenkammrad mit dem neuen Bremsstück. Zusammengesetzt aus einzelnen Pappelholzlagen, es gab wohl kein ganzes neues. Das alte Bremsstück liegt hier noch zu Demonstration, war letztes Jahr kaputt gegangen.
Erst einmal die Mühle in den Wind drehen. Die Ankerketten am Gaffelrad (?) werden losgeschirrt und am weitesten Punkt zwischen die Bohlen der Galerie gesteckt. Nun kann man den Kopf der Holländermühle durch das Aufdrehen der Kette am Gaffelrad herumschwenken. In den Wind.
Die langen Schwertbalken haben hier eine Eisenstange zur Seitenführung bekommen. Sie sind zu dünn bemessen. So können sie einknicken und die Turmberührung kann nicht sicher verhindert werden. Mühlenbau ist nicht so einfach.
Nun geht es daran die Segel zu setzen: Vier Flügel, viermal auf
die Flügel klettern, die Segel aus Leinentuch hinterherziehend. Oben
ist eine Querstange, dort kann man die Oberkante der Segel einklinken.
Und nun langsam an der Rute herunterklettern, rechts sind noch einmal zwei
Haken die eingehakt werden müssen. Nun sind die Segel an der rechten
Seite straff gespannt.
Die Linke Seite wird nun mit "Wurfleinen" um die Haken des Flügelgitters
geschlungen, von untern. D.h. für den mittleren Haken mit einer 5
Meter langen Leine. Übungssache, es sitz nicht immer sofort. Nun muß
das Segel nur noch untern festgeknotet werden. Straff. Nächster Flügel.
Die Bremse ist wie bei unserer Mühle von hintern zu bedienen. Allerdings mit einem Wippstock.
Schließlich sind die Segel alle gesetzt, es kann losgehen. Bei dieser Mühle ist die Galerie für Besucher zugänglich, also muß der Bereich der drehenden Flügel abgesperrt werden.
Nach einer halben Stunde hat der Wind nachgelassen, dreht leicht nach West. Bei solch einer Mühle muß man viel mehr auf den Wind achtgeben. Die Mühle nachdrehen, die Segel eventuell reffen. Ganz schnell dreht sich die Mühle rückwärts, weil der Wind von der Seite oder gar von hinten in die Flügel greift. Dann greift die Bremse nicht mehr.
Im Innern ist schnell wieder die alte Diskussion im Gange: Was bringt, es eine Mühle zu rekonstruieren, die nicht richtig funktionieren kann: Betonböden verhindern den vertikalen Transport. Eine Siebkiste, die so unsinnige Lager hat, daß sie im wirklichen Gebrauch einem sofort um die Ohren fliegen würde. Der Balken auf dem das Lager der Königswelle sitzt, wurde wegen der Einpassung des Bodens im Querschnitt verkleinert und damit geschwächt.
Und doch muß man sagen: Eine Mühle an diesem Standort ist
so attraktiv, daß sie auch, wenn sie nicht richtig funktioniert,
den Besuchern soviel Informationen über eine altes, fast gestorbenes
Handwerk vermitteln kann, daß alleine das den Wiederaufbau und Betrieb
rechtfertigt.
Zudem, wer von den Nichtfachleuten merkt diese Schwächen? Ich
denke, daß da auch die Ansprüche zu hoch sind.
Unserer Ausbildungskurs wird demnächst nach Holland fahren. Mal
sehen, wie die den Mühlenbau betreiben..... ;-)
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