Mühlentagebuch vom 6. Mai 99
 
 
 

60 kg Weizen, 60 kg Roggen, 20 kg Dinkel.

Das stabile Hoch über Osteuropa verliert an Kraft. Ein Tief aus dem SW nähert sich und wirbelt das Wetter durcheinander. Wind aus SO, böig, Stärke 4-6.

Ideales Mahlwetter.

Um 12 Uhr bin ich an der Mühle. Kein anderer hatte Zeit. Die Müllerin kann ab und zu mal vorbei gucken, muß aber Führungen machen.

Also schauen wir mal, rauf auf den Steinboden. Die Deckel von den Vorrratsbehältern gehoben:
Der Weizenmahlgang ist noch halb gefüllt. Ein Sack kann ich mahlen, aber dann muß ich nachfüllen.

Doch zunächst muß das Ringmehl aus der Bütte, es ist alt und ranzig. 4 Wochen her, daß das letzte mal gemahlen wurde.

Schließlich habe ich den Mahlgang sauber. Alles fit. Die Mühle bremsen, Mahlgang einklinken, die Mühle wieder anlaufen lassen.
Der obere Stein des Weizenmahlgangs (der Läufer) rumpeln los. Erst noch getrennt. Nur ab und zu  schleift er leicht auf dem unteren, pendelnd gelagert. Dann klinke ich den  Rüttelschuh dazu, das Getreide läuft in das Auge des Mahlsteins, von dort aus zwischen die Steine.
Nun den Stein senken. Der Abstand zwischen dem oben sich drehenden Mahlstein und dem unten liegenden Mahlstein verringert sich, das Getreide wird zwischen den Steinen zermahlen.
Das rumpelnde Geräusch ändert sich, es wird langsam laut. Mahlende Steine.

Jetzt den Abstand steuern. Haben wir viel Windkraft, können die Steine mit viel Druck aufeinander, das Getreide zermahlen, denn der Wind ist so kräftig, daß er die erhöhte Reibung des hohen Drucks überwinden kann. Viel Getreide kann jetzt gemahlen werden.
Läßt der Wind jedoch nach, muß der Abstand der Steine korrigiert werden. Nun reicht die Windkraft nicht mehr, die Reibung der Steine zu überwinden und sie zu bewegen. Also die Steine wieder auseinander, den Abstand vergrößern, die Reibung verringert sich. Die Steine laufen leichter, wir können aber nicht mehr soviel mahlen.

Dieses dauerende Wechselspiel, das Reagieren des Müllers mit all seinen Sinnen, das ist die Kunst des Müllerns: Der Müller muß den Wind und die Windböe und damit die ändernde Windkraft erspüren. Er muß merken, wenn sie Steine das Getreide mit zuviel Kraft zu heiß zermahlen. Er muß auf den Ton der Steine hören, wenn sie brüllen, wenn sie singen.

Langsam bin ich ganz gut eingespielt, habe mich an die Geräusche der Mühle gewöhnt, an die rumpelnden Steine, merke es, wenn sie brüllen. Das untere Mühleisen quietscht ab und zu im Lager.

Doch nach 60 kg Getreidedurchsatz fängt das Öl im unteren Tarzlager an zu brodeln. Nanu? Die Handprobe verrät eine ganz gute Hitzeentwicklung.

Ich halte die Mühle an, koppel den Mahlgang aus. Dieses zu heiß gelaufene Lager muß erst einmal gewartet werden.
Wir haben noch einen zweiten Mahlgang. Damit muß es nun weitergehen.

Früher in Streßsituationen, wenn der Müller nicht immer daneben stand, wäre dies genau eine der Situationen gewesen, in der sich ein Feuer entwickeln kann. Feuer, die Schreckensversion eines jeden Müllers, der einen Arbeitsplatz ganz aus Holz hat.
 
Also der andere Mahlgang. Roggen diesmal.
Als der Stein sich  anfängt  zu drehen, hört es sich ganz anders an als der Weizengang. Ungewohnt für mich. Den Gang kenne ich noch nicht, habe damit noch nicht gearbeitet. Dies sind andere Steine, keine Kunststeine, sondern Süßwasserquarze aus Frankreich. Ein ganz anderes Geräusch. Doch nach einiger Zeit habe ich mich eingehört.

Und noch etwas ist anders: Ich bekomme die Zufuhr nicht sauber geregelt, mal läuft zu viel Getreide zwischen die Steine, mal zu wenig. Und dann ist da auch noch dieser komische Geruch. Und nun steigen Schwaden aus der Bütte, im hereinflutenden Sonnenlicht lassen sie sich gut erkennen. Altes Mehl verbrennt dort wohl. Es war noch zwischen den Steinen. Ich bekomme erst einmal einen Schreck, ziehe die Steine auseinander, halte die Mühle an. Die Schwaden verflüchtigen sich, ein zweiter Anlauf. Das Mehl, was nun herunter kommt, das kann ich wohl nicht gebrauchen. Abfall. Die Schulkinder können es noch durchsieben.

Langsam geht es dann besser. Learning by doing. Kein gelernter Müller, aber ein lernender. Nun ist das Mehl auch nicht mehr so heiß, und ich kann das Geräusch der Steine einordnen.

Am späten Nachmittag läßt der Wind ein wenig nach. Nur noch wenn die Böen kommen ist genug Kraft zum Mahlen. Zeit Schluß zu machen.

4000 Flügelumdrehungen sagt der Zähler am Ende des Tages. Eine gute Leistung für unsere Museumsmühle. 6 Stunden haben wir dafür gebraucht, in aller Ruhe.

Die Berufsmüller von früher, die werden über diese Zahlen lächeln. Die haben ganz anders zupacken müssen. Von solch einem Durchsatz konnten die nicht leben. Und die heutigen Industriemühlen....

Aber unsere Mühle ist mal wieder bewegt worden.

Aufräumen und die Mühle sauber machen muß ich auch noch. Das Bier wartet.
 
 

 
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