Mühlentagebuch vom 10. April 99
Das Getriebe der Windrose wird entfettet.
Auszug aus den Ausbildungsunterlagen zum Thema Wartung der Britzer Mühle:
„ - Stauferfettdose an der Windrose selbst und an dem Windrosengetriebe einmal im Monat etwas nachdrehen und, wenn notwendig, nachfüllen."
Und so wird es jeden Monat gemacht, das alte Fett quillt oben am Lager heraus und bleibt dort, verharzt und fällt irgendwann einmal herunter, oder auch nicht.
Und dieses „oder auch nicht", das stört zunehmend.
Heute war jedenfalls angesagt, daß wir dieses Fett entfernen, denn es hindert die freie Bewegung der Windrose.
Die Windrose sitzt hinten auf der Kappe der Windmühle. Sie hat die Aufgabe, die Kappe automatisch in den Wind zu drehen, indem sie sich bei seitlicher Windbeaufschlagung anfängt zu drehen. Diese Drehbewegung wird über ein Getriebe auf den Drehkranz der Kappe übertragen, ein kleines Ritzel dreht sich in dem großen Zahnkranz, der um den Turm gelegt ist - bei uns außen. Dadurch dreht sich die Kappe mit den Flügeln in den Wind. Die Windrose dreht sich so lange, bis sie nicht mehr durch den Wind beaufschlagt wird. Dann steht sie still. Solange, bis der Wind sich wieder dreht.
Unsere Windrose sitzt jedoch nicht hinten senkrecht auf der Kappe.
Zur Verbesserung des Hebels ragt sie schräg nach hinten und
oben aus. So ist sie höher und besser im Wind. Zudem ist die
Entfernung zum Drehpunkt weiter und das ergibt einen besseren Hebelarm.
Aber das heißt auch unter der Windrose ist freie Sturzlinie bis
hinunter auf den Erdboden, rund 30 Meter.
Nicht ohne Grund werden die Lager mit Fettleitungen und Stauferfettdosen
geschmiert - dann ist eine Kletterpartie zu den Lagern der Windrose nicht
nötig.
Nun müssen wir das alte Fett also dort oben entfernen. Klettern
ist angesagt und Sichern. Wir legen die Windrose fest, wäre dumm,
wenn ich dort oben wäre und der Wind mich durch die drehenden Windblättern
hinunterfegte.
Ich steige in die Klettergurte. Ausgerüstet mit Spachtel und Fettdose
klinke ich mich an dem Sicherungsseil ein. Schwinge mich auf den Balken,
der schräg zur Windrose hinaufführt. Langsam krieche ich hinauf,
das Sicherungsseil hinter mir herziehend. Der Windrosenbalkon entschwindet
unter mir, ich komme dem Windrosengetriebe näher, bin angelangt.
Ich bin fast am höchsten Punkt der Mühle, nur die Flügel
auf der anderen Seite der Mühle sind noch höher. Und unter mir
nichts als Luft.
Ich reite über Berlin!
Viel altes Fett fällt in meine Dose, ich kratze es aus dem Getriebe,
ich hole es von dem Gestänge. Zum Schluß dann noch einmal die
Kontaktflächen der Zähne (hier aus Metall und nicht aus Holz,
deshalb ist der neumodische Ausdruck erlaubt - und nicht Kämme)
mit einem leichten Fettfilm überzogen.
Langsam krieche ich hinunter, lande auf dem Windrosenbalkon, klinke
mich aus: Der Boden hat mich wieder. Die Windrose wird aus ihren Fesseln
befreit, der Wind greift, und: Sie dreht sich!